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13. November 2010

Höllenbilder und Jenseitsvorstellungen in Japan


Die Guten ins Paradies, die Bösen in die Hölle. So leicht macht es die buddhistische Jenseitsvorstellung den Japanern leider nicht. Für jedes Vergehen, eine besondere Qual. Das Urteil fällt hier der Höllenrichter. Gut, dass die buddhistischen Mönche bei ihrer Ankunft in Japan gleich noch ein paar Erlösungsstrategien mit im Gepäck hatten.


Religionen hatten schon immer und überall auf der Welt die Aufgabe, ein bestehendes Herrschaftssystem zu festigen und dieses mit einer mythologischen Herleitung zu rechtfertigen. In einigen Fällen, wie im Islam, bieten sie darüber hinaus ein detailliertes, perfekt an einen bestimmten Lebens- und Kulturraum angepasstes Regelwerk für den Umgang der Menschen miteinander. Anderen reichen ein paar Grundsatzgebote, ein charismatischer Religionsstifter und heilige Schriften mit weitem Interpretationsspielraum.

"Höllendarstellung aus dem christlichen Abendland 12. Jahrhundert im Hortus Deliciarum. Wie auch in der buddhistischen Hölle hängt die Art der Bestrafung von der Art der Vergehen ab"  (Source: schulmuseum-ottweiler.net)
Wichtig ist aber, dass Religionen Antworten auf die letzten Fragen geben, wie den Tod, einem Sinn für unser Dasein oder den Ursprung des Lebens. Vor allem für diejenigen, die sich nur durch Angst vor Bestrafung an gesellschaftliche Regeln halten können und Menschen, denen das Schicksal ein lebenswertes Leben verwehrt hat, gibt es die Jenseitsvorstellungen. Das Prinzip dahinter ist einfach ausgedrückt: Irgendwann werden die guten Menschen belohnt und die unmoralischen für ihre Fehltritte bestraft. Eine Religion, die keine Aussicht auf Gerechtigkeit bietet, läuft Gefahr ihre ordnende Kraft einzubüßen. Die Geschichten von der Erbsünde und dem Fegefeuer, erst einmal für alle, haben die römisch-katholische Kirsche letzten Endes um ihr Glaubensmonopol Europa gebracht.

Wie die Japaner die Hölle importierten

In Japan gab es keine konkreten Jenseitsvorstellungen, bevor der Buddhismus das Inselland erreichte. Das ist auch der Grund, warum der ureigene Shintō nicht zwingend einer neuen Religion weichen musste. Die Glaubensrichtungen haben sich arrangiert.

"Das  `Kumano Kanshin Jikkai Mandara`` zeigt das Leben in all seinen Facetten. Im oberen Drittel die bogenförmige Lebenstreppe der Menschen; Darunter das Nirvana samt Wartezimmer, und in der unteren Hälfte die Höllen. Detaillierte Erklärung auf Seite 126-127 unter buddhismuskunde.uni-hamburg.de"

Der Shintoismus ist lebensbejahend. Shintopriester schließen Ehen und bitten in Ritualen um reiche Ernte, gesunden Nachwuchs und beruflichen Erfolg. Der Buddhismus vertreibt das Übel, Krankheiten und kümmert sich im Bestattungsriten.
Nach shintoistischer Vorstellung verläßt die Seele eines Menschen nach dessen Ableben den Körper und überdauert die folgenden 33 bis 49 Jahre auf der Erde. Erst danach geht sie in das Reich der Vorfahren ein und wird eins mit den Sippen-Kami, den göttlichen Urahnen. Die ehemals in Japan herrschenden Klane (Uji )beriefen sich bei ihrem Machtanspruch auf die Fähigkeit mit den Ahnen zu kommunizieren und die Abstammung von bedeutsamen Shinto-Gottheiten. Mit der Ankunft des Buddhismus im sechsten Jahrhundert wurden die japanischen Lokalkulte um den Glauben an ein Leben nach dem Tode erweitert. Da man damals der chinesischen Kultur nacheiferte, übernahmen die Herrscherfamilien als erste das neue Gedankengut aus Übersee. Sippengötter wurden kurzerhand zu buddhistischen Heiligen erklärt. Seit dem 10. Jahrhundert wurde die Glaubensvorstellung auch beim einfachen Volke populär.
Der Buddhismus geht davon aus, dass das Leben nur ein Existenzabschnitt im ewig währenden Geburtenkreislauf darstellt. Schlechte oder gute Taten werden in eine Art Schicksalswährung, so genanntes Karma, umgerechnet. Davon hängt auch ab, in welche von sechs Welten ein Verstorbener wiedergeboren wird. Davor wird allerdings erst einmal abgerechnet.


Der Totenrichter Enma O und die Datsue Ba 

Buddhisten streben den Eintritt ins Nirwana an. Diesen Ort oder eher diesen Zustand erreichen Erleuchtete, die durch ihre vorbildliche Lebensführung aus dem Kreislauf der Wiedergeburt erlöst werden. Zudem gibt es ein Paradies, eine Art Wartezimmer für die Erlösung, aus dem der Abstieg in niedere Lebensformen nicht mehr möglich ist.

"Der Totenrichter Enma sieht Alles. Kindern droht man: "Wer die Unwahrheit sagt, dem wird Lord Enma die Zunge herausreissen"

 Auf alle anderen wartet eine der sechs Existenzformen. Über den Weg aus Indien über China und Korea haben die sterblichen Götterwesen (Devas) und die Kriegergeister (Ashura) in Japan ihre Bedeutung verloren. Wichtiger sind Tiere, Menschen, die Gepeinigten der verschiedenen Höllen und die Hungergeister (Gaki). Wie so häufig haben die Japaner auch bei diesem Import nur die Dinge übernommen, die sie zum Ausbau ihrer heimischen Glaubenswelt benötigten. In welchen Körper ein Verstorbener hineingeboren wird, entscheidet der Höllenrichter Enma. Er verkörpert die unerbittliche Konsequenz des Karmas. Seine Kleidung ähnelt der eines chinesischen Justizbeamten, auf seiner Mütze prangt häufig das chinesische Schriftzeichen für König. Er hat stechende große Augen, einen langen, schwarzen Bart und sein Gesicht ist feuerrot. 
Umringt von meistens zehn Mitgliedern seines Gerichtstribunals und einer Horde teuflischer Schergen (Oni) bewertet er die Taten der Verstorbenen. Hierzu befragt er die beiden Seelen, die jeden Menschen vom ersten Tag an begleiten und sich alle guten wie bösen Taten merken. In seinem Spiegel müssen sich die Angeklagten all ihre Sünden noch einmal anschauen, bevor der Enma das unumstößliche Urteil fällt. Für jedes Vergehen hält der Richter eine spezielle Hölle bereit.
Eine weitere Höllengestalt, die über das Schicksal eines Verstorbenen entscheidet, ist die Datsue Ba - Die Alte, die den Toten das Gewand auszieht. Auf dem Weg in die Unterwelt müssen Verstorbene die drei Furten durchqueren. Am Ufer lauert bereits die Datsueba, zieht ihnen die durchnäßte Kleidung aus und hängt diese in die Zweige eines Baums. Dieser fungiert als eine Art Sündenwaage. Je tiefer sich die Äste unter dem Gewicht der Kleidung neigen, desto sündenvoller war das Leben des Neuankömmlings und desto grausamer fällt die Bestrafung in der Hölle aus. Im Gegensatz zum König der Unterwelt taucht die Datsue Ba übrigens nur in der japanischen Mythologie auf.


Gaki-Hungergeister und die Höllenwelten

Vorstellungen von Hungergeistern wurden ebenso wie die verschiedenen Höllenformen seit der Heian-Zeit (794-1185) populär.

"Wer geizig war muss als Gaki Fäkalien essen: Darstellung der Welt der Hungergeister auf der Bildrolle der Gaki (gaki zoshi)"(Foto:Wikipedia)

Die Gaki sind die personifizierte Unreinheit. Ihre kränklichen, spindeldürren Körper mit den aufgetriebenen Bäuchen erregen zugleich Mitleid wie Ekel. Sie ernähren sich von Fäkalien, Urin und Leichenteilen. Trotzdem sind sie getrieben von unstillbarem Durst und Hunger. Als Hungergeister werden Menschen wiedergeboren, die im Leben besonders gierig waren. Seltsam ist, dass diese verwerfliche Gier zur Wiedergeburt in eine bestimmte Daseinsform führt, während andere Sünden lediglich die Art der Folter bestimmen, die in den verschiedenen Höllen auf schlechte Menschen wartet.

Gleich nach dem Urteil des Enma oder der Datsue Ba übernehmen die Oni, gehörnte Dämonen der japanischen Sagenwelt, die Bestrafung der Sünder. Für jedes Vergehen gibt es eine spezielle Hölle. Hier werden die Verurteilten, zerstampft,zerhackt, verbrannt, von Tieren zerrissen oder gekocht. Die erste detaillierte Höllendarstellung lieferte der Tendai-Mönch Genshin im 10. Jahrhundert. Im Laufe der Jahrhunderte förderten die Machthaber Japans die Herstellung von Bildrollen mit abschreckenden Höllendarstellungen.

Dadurch wurden die weltlichen Regelungen noch durch die religiöse Ethik bestätigt. Händler, die niemals dabei erwischt wurden, wenn sie bei der Menge oder Qualität ihrer Waren betrogen, blühte eine Wiedergeburt in der Hölle des Maßnehmens. Dort mußten sie sich Stücke aus dem Leib schneiden und auf eine Wage legen, um ihre Betrügereien zu sühnen. Diebe wurden in der Hölle des Eisernen Mörsers zerstampft und zermahlen. In der Hölle der Exkremente standen Mörder und Plünderer bis zum Hals in Fäkalien, während riesige Maden ihren aufgeweichten Körper verzehrten. 

"(links: Bildrolle im Shiga shoraigo Tempel) Oni foltern Sünder in der Hölle zu Tode. (Unten: Auszüge aus der Höllenbildrolle (jigoku zoshi etwa 12. Jahrhundert) Hölle der Exkremente für Diebe, Plünderer und Mörder. Daneben der kochende Blutteich, der nur den sündhaften Frauen vorbehalten ist. Brennende Steine regnet es zudem auf die Häupter derer, die einst Reisende überfallen haben"




Erlösung durch Mitleid - Mönche und Bodisattvas zur Stelle

Religion soll  aber nicht nur Angst machen, sondern vor allem auch Trost spenden. Was nützen all die Schreckensszenarien, wenn es nicht auch jemanden gibt, der die Menschen vor diesem Schicksal bewahren kann?
"Bodhisattva Kanon reist in die Welt der Gaki-Hungergeister und erlöst diese von ihrem leidvollen Lebensabschnitt"

Im Gegensatz zur endgültigen Hölle im Christentum ist die buddhistische Hölle nur wieder ein Abschnitt im unendlichen Kreislauf der Wiedergeburten. Ein Bodhisattva ist eine Wesen, welches die Erleuchtung bereits erreicht hat. Anstatt aber den letzten Schritt ins Nirvana zu vollziehen wandelt er, getrieben vom Mitleid, zwischen den Welten, um die Menschen von ihren Leiden zu erlösen. Buddhisten richten daher ihre Gnadenersuche für verstorbene Verwandte vornehmlich an jene Superhelden. Ein besonders beliebter und häufig dargestellter Bodhisattva ist der glatzköpfige Jizō, Schutzpatron der Reisenden, der Seeleute und der gestorbenen Kinder.

"Auf Lotusblüten schwebt Jizo über dem Höllenkessel, um gepeinigte Sünder zu erlösen"

Getrieben von dem buddhistischen Idealbild der Bodhisattvas bieten auch die Mönche durch Gebete und Rituale Erlösung - Gerade für diejenigen, die nach ihrem Tode zwischen den Welten festhängen, wie Rachegeister (Yūrei), aber auch für die Gaki und die Höllengepeinigten.
Der Buddhismus hat also das Inselland mit seiner Ankunft erst um die Vorstellung von Jenseitswelten erweitert und dann gleich seine Vertreter als Erlösungshelfer mitgebracht. Dem vorherrschenden Shintoismus hat dies aber keinen Abbruch getan. Noch heute gehören fast alle Japaner beiden Strömungen an. Der Ausspruch: "Shintō für die Lebenden und der Buddhismus für die Toten", macht deutlich, welches unkomplizierte Arrangement die Glaubensrichtungen geschlossen haben.

Weiterführendes zum Thema: 

Die Uni in Wien hat ein unglaublich interessante Info-Seite zum Thema Japan und Religionen auf die Beine gestellt. mehr unter!

Blog-Beitrag von "bouncingredball" zu verschiedenen Höllenbildern mit zahlreichen markaberen Bildern. mehr unter!

Budhismuskunde und Jenseitswelten zum Nachlesen auf der Uni-Hamburg-Homepage. mehr unter! 

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