Der Weg Japans zu einer der führenden Weltwirtschaftsmächte ist wohl die eindrucksvollste Phoenix aus der Asche- Geschichte der Nachkriegszeit. Hatten die USA noch nach der fanatischen Gegenwehr der japanischen Einwohner bei der Schlacht um Okinawa erwägt, das Inselreich gänzlich dem Erdboden gleichzumachen, erwies sich keine fünf Jahre später das geläuterte Japan als „unversenkbarer Flugzeugträger der Vereinigten Staaten“ im Kampf gegen den ostasiatischen Kommunismus. Mit dem Koreakrieg (1950-1953) begann daher auch der unaufhaltsame Vormarsch der japanischen Wirtschaft, welcher jahrzehntelang zweistellige Wirtschaftswachstumsraten zu Tage förderte.
Ein Wirtschaftsgigant fällt in sich zusammen
"Steht stellvertretend für japanische Karriere: Der Sararyman/Büroangestellter renommierter Unternehmen" "Source: Aftermathnews.files.wordpress.com"
Der japanischen Erfolgsgeschichte versetzten jedoch maßlose Immobilien- und Aktienspekulationen den Todesstoß. Mit Aktienan- und -verkäufen untereinander werteten sich japanische Unternehmen immer weiter auf und kauften Grundstücke, deren Preise in irreale Sphären stiegen. Zudem stellten die Banken immer weitere Kredite aus, die von eben jenen unrealistisch hohen Immobilienpreisen gedeckt wurden. 1990 erreichte der Aktienwahn seinen Höhenpunkt und die Spekulationsblase zerplatzte. Innerhalb eines Tages sank der Wert der Immobilien auf ein Viertel des vorigen Preises zurück und der Aktienmarkt implodierte. Unternehmer, Banken, Versicherungen, vor allem aber auch Privatanleger wurden mit voller Wucht auf den Boden der Tatsachen geschmettert und Japan erlebte die größte Wirtschaftskrise seiner Geschichte.
Seitdem steigt die Zahl der Erwerbslosen (1990: 2 Prozent / Höhepunkt 2003: 5,5 laut METI) und das bis zu jenem Zeitpunkt totgeschwiegene Arbeitslosigkeitsproblem schlug sich unverkennbar im Stadtbild der japanischen Metropolen, in Form ganzer Obdachlosen-Siedlungen in den Parks, den Flußauen und unter den Brücken, nieder.
"Obdachlosensiedlung entlang einer Eisenbahnbrücke"
"Source: World.commongate.com"
Obdachlos sein in Japan
Die Anzahl der Obdachlosen in den Handels- und Wirtschaftsmetropolen des Insellandes hat sich seit dem Platzen der Spekulationsblase und dem Lehmann-Schock vor wenigen Jahren auf ein unüberschaubares Maß vervielfacht. Als rough-sleepers-Hochburgen gelten allen voran Tokio und Osaka, sowie Nagoya, Yokohama und Kawasaki.
"Freikampen ist in Japans Parkanlagen erlaubt"
"Source: Tokyoluv.com"
In Japan, wo das Wild-Campen nicht unter Strafe steht, entstehen an Flussauen und in städtischen Grünanlagen ganze Obdachlosenstädte. Viele Firmenangestellte, deren Job plötzlich gestrichen wurde „wählen“ das Leben auf der Straße, um nicht mehr heimkehren zu müssen und der Familie die Schmach zu ersparen. Sie erfinden Ausreden für ihre Verwandten und hoffen, möglichst schnell wieder in ein geordnetes Leben zurückkehren zu können.
"Drei Kubikmeter Schlafwaben der Capsule-Hotels waren früher vor allem eine günstige Unterkunft für Geschäftsreisende Salaryman. Heute sind sie gerade in Wintermonaten dauerhaft von Arbeitssuchenden ohne festen Wohnsitz gemietet"
"Source: Denki-kawaraban"
Wer sich von Gelegenheitsarbeiten keine Übernachtungen in einer der Capsule-Hotel-Schlafwaben oder einem Sessel mit Waschbecken im 24 Stunden-Internetcafe leisten kann, schlägt sein Nachtlager unter Pappkartons und Plastikplanen auf. In vorangegangenen Rezessionen haben arbeitsuchende Japaner immer wieder auf diese Weise finanzielle Durststrecken überstanden.
"Typisch japanische Architektur selbst in behelfsmäßigen Unterkünften"
Dadurch erklärt sich auch der geringe Verwahrlosungsgrad der japanischen Obdachlosen. Das Leben unter freiem Himmel wird als Übergangsphase verstanden. Daher werden Schuhe vor der Pappwohnung ordentlich aufgereiht, das Innere sauber ausgefegt, die Kleidung in den öffentlichen Toilettenhäuschen gereinigt und zum trocknen in die Parkbäume gehängt. Alkoholismus ist zwar gerade bei Langzeitobdachlosen auf dem Vormarsch, jedoch bei weitem nicht so verbreitet wie hierzulande.
Auch die hiesige frei gewählte Jugendobdachlosigkeit ist in Japan eher eine Seltenheit. Hauptgrund für ein Leben auf der Straße ist auch in dieser Altersklasse die steigende Arbeitslosigkeit. Vor allem aus den Vororten in die Ballungszentren ausgewanderte junge Japaner gaukeln ihren Eltern am Telefon vor, es in der großen Stadt zu etwas gebracht zu haben, während sie sich in Wahrheit mit Gelegenheitsarbeit durchschlagen und unter freiem Himmel kampieren.
"Beinahe idyllische Überbrückungsphase bis zum neuen Job"
"Source: Letsjapan.markmode.com "
Keine Besserung in SichtDie Wirtschaft des Insellandes scheint sich jedoch vom den letzten Finanzmarkteinbrüchen nicht mehr ohne weiteres zu erholen. Auf das Platzen der Spekulationsblase folgte eine zehnjährige Phase der ökonomischen Stagnation, die auch als „das verlorene Jahrzehnt“ bezeichnet wird.
"Weil die Mieten in Osaka und Tokio ohne festes Einkommen unbezahlbar sind, leben immer mehr Menschen auf der Straße"
Darüber hinaus hat die weltweite Finanzkrise sich fatal auf den japanischen Arbeitsmarkt ausgewirkt. Auch wenn die Statistiken teilweise extrem abweichende Zahlen liefern, so ergibt die Tendenz eindeutig, dass sich die Arbeitslosenquote in Japan seit 1990 zumindest verdoppelt hat. Unter den rough-sleepers sind inzwischen etwa sieben Prozent seit über zehn Jahren ohne Arbeit und festen Wohnsitz. Die Dunkelziffer der Obdachlosen in Tokio wird auf 43.000 Menschen geschätzt, in Osaka sind es etwa 8.600. Viele sind zu stolz, um Sozialleistungen zu beantragen. Da Betteln per Gesetz verboten ist, sammeln sie Pfandflaschen oder verkaufen Taschentücherpäckchen, die in Japan überall als Werbeflyer verteilt werden und meisten direkt danach im Mülleimer landen.
"Großstadtschattenseiten. Bittere Armut in einem der reichsten Länder der Erde"
"Source: news.bbc.co.uk"
Die staatlichen Arbeitsvermittlungen sind bei weitem nicht so effektiv, wie die japanischen Mafia-Syndikate (Yakuza), wenn es darum geht Jobs in der von ihnen beherrschten Baubranche und der Vergnügungsindustrie zu organisieren.
"Schlechte Zeiten für Tagelöhner der japanische Baubranche"
"Source: factsanddetails.com"
"Source: factsanddetails.com"
Potemkinsche Idylle und staatliche Verlegenheitsmaßnahmen
Karitative Einrichtung und Bürgerinitiativen versuchen durch Suppenküchen, Decken- und Kleiderspenden die Lebensumstände der Obdachlosen zu verbessern.
"Schlange stehen für Gelegenheitsjobs oder eine warme Mahlzeit"
"Source: risingsunofnihon.com"
Leider gibt es immer wieder Fälle, bei denen Hilfsprojekte aufgrund mangelnder Toleranz der Anwohner eingestellt werden müssen. Beispielsweise befürchteten besorgte Eltern im Tokioter Bezirk Sanya, dass ihre Kinder Schaden davontragen könnten, wenn sie auf dem Schulweg mit den "Schachtelmännern" in Kontakt kommen, die sich dort täglich in die Schlange der Essensausgabestelle einreihten. In diesem Fall forderte die Bezirksregierung die Helfer daraufhin auf, ihre Küche zu schließen.
In einer Gesellschaft, die so extrem auf Leistung ausgerichtet ist wie die japanische, ist der Umgang mit jenen umherwandelnen Mahnmalen der Wirtschaftskrise besonders hart. Nicht umsonst sagt man Japanern nach, dass sie eine besondere Fähigkeit dafür besitzen, Unschönes einfach ausblenden und zu ignorieren.
"Regisseur Satoshi Kon zeigt das alltägliche Leben dreier Obdachloser in Tokio""Source: Film von Studio Madhouse"
Ebenso hat auch die Regierung des Landes die Obdachlosenfrage zuerst nicht beachtet und danach von einem Zuständigkeitsbereich in den nächste geschoben. Ganz klar ist, dass es keine ganzheitliche Lösung des Problems geben kann, solange sich die wirtschaftlichen Umstände nicht verbessern.
Ausreden, wie die von EX-Pemierminister Koizumi Shimizu, der die Obdachlosen als nicht vermittelbar bezeichnete, da deren Bildungsniveau zu niedrig sei, gehen an einer realistischen Einschätzung der Probleme vorbei. Der durchschnittliche Bildungsgrad der japanischen Obdachlosen ist hoch. Nur 40 Prozent arbeiteten vor ihrem sozialen Abstieg bereits als Tagelöhner. Ein hoher Anteil sind ehemalige Salaryman, Menschen mit universitären Abschlüssen, etc. 70 Prozent sind körperlich gesund und etwa 80 Prozent behaupten von sich, einen neuen Job annehmen zu wollen. Eigentlich gute Grundvoraussetzungen für den Wiedereinstieg ins Berufsleben, aber es fehlen ausreichende und sichere Arbeitsplätze. Die Bau- und Stahlindustrie sind einer boomenden IT-Branche und einem Informationsdienstleistungssektor gewichen, für die viele der Tagelöhner nicht qualifiziert sind. Zudem erhalten Arbeitslose heutzutage nur noch selten langfristige Verträge. Japans Ära der lebenslangen Beschäftigung und sozialen Komplettabsicherung durch die Firma gehört längst der Vergangenheit an.
"Eine Freeter-Demo in Tokio"
"Source: www.Alcyone.seesaa.net"
Das Durchschnittsalter der japanischen Obdachlosen liegt bei 55,9 Jahren. Den ohnehin schwieriger vermittelbaren Tagelöhnern in ihren 50ern steht zudem heute ein Heer von jungen Leuten gegenüber, die nach dem Abschluss der Schule oder der Universität keinen rechten Einstieg ins Berufsleben finden. Diese Freeters (freetime-Arbeiter/Aushilfsjobber/Japans Generation Praktikum) und NEETs (Not in Education, Employment or Training) sind junge Männer und unverheiratete Frauen zwischen 15 und 34 Jahren. Laut Weissbuch gab es 2002 bereits 2,5 Millionen Freeters und 650.000 bis 850.000 NEEDs, die auf den Arbeitsmarkt des Insellandes drängen.
Zur Unterstützung von Obdachlosen wurde im Jahre 2002 das „Sondergesetz zur Förderung der Eigenständigkeit von Obdachlosen“ verabschiedet. Außerdem wurden Mittel für Einrichtungen zur Arbeitsförderung sowie mobile Beratungsstellen bereitgestellt. Diese Problemlösungsansätze stehen jedoch im krassen Gegensatz zu den Vertreibungen der Obdachlosen aus den Parks, die ebenfalls immer häufiger auf Anordnung der Behörden geschehen.
"Obdachlose im Tennouji Park von Osaka" "Source: www.Yougendo.blogspot.com "
Den Glauben an eine wirkliche Verbesserung ihrer Situation durch Maßnahmen der Behörden haben viele Obdachlose schon längst aufgegeben. Auf ihr Recht, in den Grünanlagen der Metropolen verbleiben zu dürfen, wollen und können sie jedoch nicht verzichten. Als beispielsweise für den Osaka-Marathon im Jahr 2007 die Räumung der Parks rund um das Stadtschloß verordnet wurde, organisierten die Obdachlosen Demonstrationen und zogen mit Hilfe von Bürgerrechtlern vor Gerichte, um ihren Anspruch auf die Parkdomizile geltend zu machen. Leider wurden ihre Anträge abgelehnt und den weitgereisten Läufern blieb ein Blick auf Papphaussiedlungen und Zeltdörfer aus blauer Plane erspart.
Die Obdachlosen der japanischen Metropolen bilden inzwischen eine Parallelgesellschaft, vor deren Problemen Bevölkerung und Behörden nicht länger die Augen verschließen können. Solange sich die Situation auf dem japanischen Arbeitsmarkt nicht verbessert, tut die Landesregierung gut daran, die Wiedereingliederung der Obdachlosen zu fördern und eine Novellierung der Sozialsicherungssysteme (z. B. durch Einführung von Wohngeldzuschüssen) in Angriff zu nehmen. Denn wie tief man im Land der aufgehenden Sonne ganz plötzlich fallen kann, zeigen die frisch geputzten, sauber aufgereihten Herrenschuhe vor den Eingängen der Schachtelmann-Behausungen."Source: pingmag.jp"
Weiterführendes zum Thema:
Interessantes Kunstprojekt der Filmemacherin Anke Haarman zum Thema Obdachlose in Osaka...
Experten des Goethe-Instituts äußern sich zum Obdachlosenphänomen in Japan ...













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