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1. September 2011

Yatagarasu und der Klan der Krähen

Wie in vielen Kulturen der Erde wird auch in Japan den Krähen etwas geheimnisvolles und überirdisches nachgesagt. Als Tengu geisseln sie in Fabeln die Bergasketen, in Legenden treten sie als Lehrmeister von Volkshelden auf und ihr gutes Verhältnis zu den japanischen Kaisern hat ihnen einen Platz auf dem Trikot der japanischen Fussball-Nationalelf gesichert.

Von den Ampeln krächzen die Schwarzgefiederten auf Passanten herunter, springen ihnen vor die Füße, stehlen Scheibenwischergummis oder die Einkaufstüte, verteilen den Müll auf den Straßen oder entführen gleich ein paar Zootiere aus den Freiluftgehegen. Japans clevere wie dreiste Stadtkrähen sind auch schon bei uns beliebte Doku- und Vorabendenachrichten-Stars.

Geisseln der Mönche, Lehrer der Helden

Eine ähnlich näckische Rolle spielen sie auch in Märchen und Spukgeschichten.  Dort treten sie als Karasu-Tengu  (Krähen-Himmelshunde) in Erscheinung und spielen buddhistischen Mönchen oder verirrten Wanderern Streiche. Sie tragen die Kleidung der japanischen Bergasketen, ihre Gesichter gleichen denen von Vögeln oder Hunden und sie können sich mit ihren pechschwarzen Flügeln in die Lüfte erheben. Im Umgang mit Lanze und Schwert gelten sie als unbesiegbar. Deshalb berufen sich Helden der japanischen Legenden auch nur zu häufig auf ihre Tengu-Lehrmeister, wie beispielsweise Minamoto no Yoshitsune.

"Samurai-Rüstung in Karasu-Tengu Optik sollte die Gegner schon beim Anblick in die Flucht schlagen"

Auch gleichen ihre Zaubertechniken, wie das plötzliche Verschwinden in einem Blätterwirbel, denen der Ninja, wodurch einige Fans der Schattenkrieger die Tengu auch als Erfinder des Ninjutsu bezeichnen.
  
Gefährte der japanischen Kaiser

Auch in der japanischen Mythologie spielen Raben eine besondere Rolle. Bereits im Kojiki, welches im Jahr 612 verfasst wurde, um den Herrschaftsanspruch der Tenno Familie mythologisch-religiös zu untermauern, leistet eine göttliche Krähe der Kaiserfamilie treue Dienst.

"Yatagarasu auf dem Stab wies dem Jimmu Tenno den Weg durch die Berge, damit er seine Herrschaft über Yamato antreten konnte"

Der Legende nach stieg der Jimmu Tenno, ein Abkömmling der Sonnengöttin Amaterasu, zu den Menschen herab, um die japanischen Inseln zu erobern. Auf seiner Reise durch die Berge verirrte er sich, so dass die Sonnengöttin ihren treuen Diener Yatagarasu, die dreibeinige Krähe, entsenden mußte, um Jimmu den Weg zu weisen.

Sumo-Spektakel am Schrein des Krähen-Klans
Am Kamigo Schrein in Kyoto wird zum Gedenken an diesen Dienst alljährlich ein spezielles Schrein-Sumo veranstaltet. Im Gegensatz zum bekannten professionellen Sumosport sind diese an shintoistischen Schreinen abgehaltenen Urformen des Ringkampfes eher Rituale zur Unterhaltung der Kami (Shinto-Götter) und der Ermittlung ihres Willens.
 
Der Kamigo Schrein befindet sich auf dem Gebiet, welches ehemals vom Karasuzoku, dem Krähen-Klan, beherrscht wurde. Die Familie leitete ihr Herschaftsprivileg von ihrer Verwandtschaft zu der göttlichen Krähe Yatagarazu ab.
Bei der Eröffnungszeremonie des Karasu-Sumo, welche traditionell am 9. September abgehalten wird, hüpfen die Shinto-Priester zwischen zwei aufgeschichteten Hügeln hin und her, wobei sie Bogen, Pfeil, Kurzschwert und Fächer auf den Steinhaufen ablegen. Danach ahmen sie Kräherngeschrei nach und bringen die Waffen wieder zurück in den Schrein. Der Tanz symbolisiert zum einen die Schöpfung Japans durch das Göttergeschwisterpaar Izanami und Izanagi, zum anderen die Inbesitznahme Yamatos durch den Jimmu Tenno, bei der die Krähe Yatagarasu besagte wichtige Rolle gespielt hatte. Nachdem auch die  Sumo-Kämpfer die beiden Steinhaufen umrundet haben, beginnt das Ringkampfspektakel zur Belustigung der Göttlichen.

Yatagarasu: Retter der Menschheit

"Yatagarasu-Miniboss im Playstation 2-Spiel "Genji"

Der Rabenbote Yatagarasu spielt auch noch in einer weiteren Legende die zentrale Rolle. Spricht man bei uns von einem Mann im Mond, so behaupten die Bewohner Ostasiens in den Flecken des Erdtrabanten einen Hasen erkennen zu können, der mit einem Mörser Mochi genannten Reiskuchen stampft. Der Mond ist für die Japaner folglich auch nicht "aus grünem Käse", sondern aus jener milchig-blassen Süßspeise. Den Gegenpol zum Mond-Hasen bildet der Rabe in der Sonne.


Vor Urzeiten versuchte eine dämonische Bestie die Sonne zu verschlucken, um damit alles Leben auf Erden zu vernichten. Um sie aufzuhalten schuf die Sonnengöttin die Krähe Yatagarasu.

"Yatagarasu is coming home"
Sie flog in den Schlund der Bestie, tötete diese und vereitelte somit den Plan. Seither steht die dreibeinige Krähe vor einem roten Kreis, der die Sonne darstellt, als Symbol für die kaiserliche Tennofamilie, welche bekanntlich von der Sonnengöttin abstammen soll. Die drei Beine der Yatagarasu stehen für drei Gesichter der Sonne: die Morgenröte, die sengende Mittagssonne und die Abenddämmerung. Die Geschichte gibt es auch in der chinesischen Mythologie. Ob sie also nun exklusiv im japanischen Volksglaubens ihren Ursprung hat oder wie so häufig irgendwann einfach aus dem Repertoire der Festlandlegenden übernommen wurde, lässt sich nicht mit Gewissheit sagen. Fest steht jedenfalls, dass jene dreibeinige Krähe sich auch auf dem Trikot der japanischen Fußballnationalmannschaft wiederfindet und an die Geschichte der tapferen Krähe Yatagarasu erinnern soll.

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