Ob in Büroräumen, in Klassenzimmern, auf Schulhöfen, in städtischen Grünanlagen oder auf dem Parkplatz des Fabrikgeländes: Etwa 20 Prozent der japanischen Bevölkerung nehmen täglich an der Radio-Taisō teil. Aber wo liegt der Sinn jener Übungen und warum trainieren sich die Japaner bereits seit 90 Jahren synchron wach?
Es gibt für Japanreisende zahllose Möglichkeiten als Unwissender aufzufallen oder gleich mittenrein ins Fettnäpfchen zu tappen. Jeder der eine Zeit im Lande der Benimmregeln verbracht hat, kann hierzu ein paar Anekdoten beisteuern. Normalerweise nehmen die Japaner Ausländern solche Fehltritte aber nicht übel, es sei denn man kehrt beispielsweise mit den Toilettenraumpantoffeln an den Essenstisch zurück. Für mich gab es ebenfalls eine Vielzahl Situationen, die sich extrem peinlich anfühlten, von denen ich seit meiner Heimkehr aber immer gerne berichte."Mein tägliches Taisō im Büro von Katsura MfG"
"Quelle:denki-kawaraban"
Japan bewegt sich synchron
Ob in Büroräumen, in Klassenzimmern, auf Schulhöfen, in städtischen Grünanlagen oder auf dem Parkplatz des Fabrikgeländes: Etwa drei Viertel der japanischen Grundschüler und 20 Prozent der gesamten Bevölkerung nehmen täglich an der Radio-Taisō teil. Diese besteht aus 26 Übungen mit je drei Wiederholungen und soll den Kreislauf in Schwung bringen.
Musikalisch untermalt wird die Gymnastik von einem klasssischen Klavierstück, in dieser Form vom Radiosender der NHK seit der ersten Stunde ausgestrahlt. Da nicht jeder Japaner zur üblichen Sendezeit um 6:30 an seinem Arbeitsplatz ist, gibt es die Melodie auch auf CD oder Video. Normalerweise braucht der menschliche Körper nach dem Aufwachen etwa drei Stunden, um seine volle Leistungsfähigkeit wieder herzustellen. Durch die Taisō-Übung erreicht man in nur 6 Minuten eine 140er Pulsfrequenz und damit volle Einsatzbereitschaft für den Tag.
"Es ist 6.30 Uhr. Und alle machen mit"
" Quelle: Nippokultura"
" Quelle: Nippokultura"
Wer übrigens in den Radio-Taisō das Klischee vom kollektiv agierenden Asiaten bestätigt sieht, wird sich wundern zu hören, dass die Idee aus den Vereinigten Staaten importiert wurde. In sechs Städten der USA, darunter New York und Washington, wurde Anfang der 20er Jahre von der Metropolitan Lebensversicherung zur täglichen Morgengymnastik bei Pianomusik aufgerufen. Zu dieser Zeit befand sich Japan in einer gesellschaftlichen Umbruchphase.
"Gesunde Arbeiter durch tägliche Gymnastik"
"Quelle: madbam.heteml.jp"Zwei Mitarbeiter der Kampo-Post-Krankenversicherung importierten die Idee der Radio-Gymnastik aus den USA. Bereits 1928 sendete der NHK täglich die Radio-Taisō. Bewegungsbabläufe konnte man in dem eigens zu diesem Zweck herausgegebenen Buch der Kampo-Versicherung, "itsudemo, dokodemo,daredemo", "jederzeit, überall und jeder", nachschauen. Es war naheliegend, dass die faschistischen Machthaber des japanischen Kaiserreiches jene Kollektivgymnastik im 2. Weltkrieg zu Propagandazwecken instrumentalisierten.
"Mit Gymnastik einen verlorenen Krieg durchstehen"
"Quelle: blogs.yahoo.co.jp"
"Quelle: blogs.yahoo.co.jp"
Taisō im heutigen Japan
Die fanatische Gegenwehr, auf die die amerikanischen Truppen bei der Landung im April 1945 in Okinawa stießen, brachte die Aliierten zu der Überzeugung, dass für einen Neuaufbau nach Kriegsende nationalistische Tendenzen in Japan gänzlich im Keim erstickt werden müssen. Der japanischer Kaiser der Tennōfamilie mußte auf seinen Anspruch auf Göttlichkeit verzichten und die strenge konfuzianische Hierarchiestruktur, die sich durch die gesamte Gesellschaft bis in die Familien hineinzog, wurde aufgebrochen.
"Radio-Taisō für japanische Auswanderer"
Quelle: "discover nikkei" by choowa"
Unter dem US-Oberkommando von General Douglas MacArthur wurde eine Verfassung nach westlichem Vorbild entworfen und verabschiedet. Im Zuge der Umstrukturierung wurde auch die Radiotaisō erst einmal verboten.
Nach einigen zögerlichen Versuchen sendete NHK mit Unterstützung des Gesundheits- und Erziehungsministeriums ab 1951 wieder regelmäßig eine neue Version der alltäglichen Radiogymnastik.
"Morgengymnastik im Aitokudai Kindergarten. Dreiviertel aller Grund- und Vorschüler beginnen den Tag mit der Taisō"
Um Schulkinder auch in den Sommerferien zur Taisō zu motivieren boten die Kampo-Versicherung und der NHK spezielle Sammelalben an. Für jeden Tag, den sie mit der Gymnastik begannen, erhielten die Kinder eine Briefmarke. Die stolzen Sammlungen dürfen sie auch heute noch zu Beginn des neuen Schuljahrs gegen Spielzeug, Schreibwaren und ähnliches eintauschen.
"Für jeden Ferientag mit Taiso-Morgengymnastik dürfen Japans Kinder eine Marke einkleben"
"Markensammelalbum der Kampo-Versicherungen und des Senders NHK"
Wie immer, wenn man peinlich auf etwas aufmerksam geworden ist, fällt im Anschluß daran auf, wie allgegenwärtig diese Sache eigentlich gewesen ist. Außer in Ländern, die im 2.Weltkrieg unter japanischer Besatzung standen (Taiwan), oder dort, wo größere Auswandererkolonien entstanden sind (Peru & Brasilien), wird die Radio-Gymnastik ausschließlich in Japan täglich gesendet.
"Video: Radio-Taisō zum nachmachen"
Um nicht als Unwissender in einer japanischen Firma aufzufallen, kann man sich natürlich im vorhinein die Übungen einprägen. Allzu Ehrgeizigen sollte aber gesagt sein, dass die Japaner ihre Eigenheiten lieben und pflegen. Man nimmt ihnen daher eher den Spass, wenn Herr Ausländer (gaijin san), wie man dort oft genannt wird, nicht mit fragendem Blick auf etwas urjapanisches reagiert und gekonnt um jedes Fettnäpfchen herumsteuert. Also bloß nicht übervorbereiten. Nette Peinlichkeiten nimmt einem niemand in Japan krumm und sie sorgen für eisbrechende Gesprächsthemen.
"Ultramans Geheimnis: Täglich um 6:30 Radio-Taisō"
"Quelle: ultraman-land.jp"
"Quelle: ultraman-land.jp"
Weiterführendes zum Thema:
Hauptquelle für Daten und Fakten war dieser sehr nette Artikel aus der "Japan Times", der das Thema Taisō, in einer Art Frage und Antwort-Spiel präsentiert. hier klicken!
Und natürlich gibt es in Japan bereits einen Taisō-Instructor-Roboter.
"Video: Radio-Gymnastik von einem Roboter lernen"











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