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10. Juni 2009

Androidinnen: Made in Japan

Japans Robotertechnik entwickelt sich rasend schnell. Das aussterbende Inselvolk setzt auf mechanische Diener, um Versorgungsengpässe in der Pflege und jetzt auch im Dienstleistungsbereich zu kompensieren. Dabei weichen eckige Maschinen mit Greifhakenhänden allmählich makellos modellierten jungen Frauen mit Gummihaut und Pagenschnitt. 


Japan ist für seine ausgefallenen und witzigen Roboterkonstruktionen bekannt. Neben dem hohen Entwicklungsstand der mechanischen Diener fällt vor allem ihr niedliches Design ins Auge.

Diese, vom so genannten Kawaii-Kult (Verniedlichungskult) geprägten Modelle stoßen bei Japanern auf eine weltweit einzigartig hohe Akzeptanz.

"Altenpflegeroboter RIBA “Robot for Interactive Body Assistance” geht behutsam mit den Senioren um" (Source: riken.go.jp)

Im Hinblick auf den bevorstehenden Einzug von Robotern in japanische Haushalte und den Dienstleistungssektor wird bei der Gestaltung bewusst der Schwerpunkt auf sympathisches Aussehen gelegt. Allerdings stoßen menschliche Konstruktionen nicht selten auch auf Kritik. Bei der Veröffentlichung der Forschungsstände allzu humanoider Maschinen schlägt die anfängliche Neugierde schnell in ein moralisches Kreuzverhör mit den Erbauern um.

"Roboter-Messehostess bei der EXPO- 2005 in Aichi sieht immer gut aus und bleibt freundlich" (Source: kokoro-dreams.co.jp )

Androiden aus den Manga und Anime

Per Definition sind Androiden Maschinen, die in Gestalt und Verhalten ihren menschlichen Vorbildern nachempfunden sind. Nicht zu verwechseln sind sie mit den Cyborgs, Menschen mit mechanischen Implantaten oder Modifikationen.
In Sience-Fiction Manga und Animes sind Androiden oder Cyborgs häufig die Hauptcharaktere. Vor allem in den ausklingenden 80ern entstanden zahllose Klassiker, wie Armitage 3, Battle Angel Alita, Ghost in the Shell oder Appleseed. In beinahe allen Geschichten dieses Genres wird der Konflikt zwischen Mensch und Maschine thematisiert. Dabei sind stets die Menschen die Aggressoren, da sie Angst davor haben, die Kontrolle über ihre Schöpfung zu verlieren oder gar von ihr übertroffen zu werden.

"Bei Armitage 3 dreht sich alles um Streit und Freundschaft zwischen Menschen und Androiden"

Eben solche Bedenken werden auch von kritischer Presse und Lesern geäußert, die in den letzten Monaten mit Bildern und Reportagen über Japans erste Roboterlehrerein oder die Einsätze attraktiver Roboterfrauen als Messehostessen konfrontiert wurden. Japans alternde Bevölkerung rüstet scheinbar nicht nur dahingehend auf, mechanische Diener zu entwerfen, die sich um niedere oder anstrengende Alltagsaufgaben kümmern. Ein Wettlauf hat Tüftler und Wissenschaftler längst erfasst. An dessen Ziel sollen künstliche Menschen stehen, die äußerlich nicht mehr von ihren Schöpfern zu unterscheiden sind.

"Weiblicher Android aus Südkorea, Japans größter Konkurrenznation auf diesem Gebiet"
("Source: techepics.com)

Vorlesungen bei Professor Android

Der japanische Wissenschaftler und Professor der Universität Osaka, Herr Ishiguro Hiroshi, arbeitet seit Jahren an der Entwicklung von Robotern, deren künstliches Innenleben sich Betrachtern erst nach mehrmaligem Hinschauen offenbart.

"Repliee R1. A: Ein recht grusilig anzusehender Android, der einem fünfjährigen Mädchen nachemfunden wurde" (Source: is.sys.es.osaka-u.ac.jp)

Ganz in der Tradition der "Karakuri", den Urvätern japanischer Roboter, sollen seine Maschinen den Menschen in Erstaunen versetzen, ihnen einen Streich spielen oder sie einfach unterhalten. Die Fortschritte Professor Ishiguros sorgen seit Jahren immer wieder für Schlagzeilen.

"Video: Androidin interviewt Messebesucher"

Nach dem Androiden Repliee R1, der einem fünfjährigen Mädchen nachempfunden wurde, entwickelte er Repliee Q1, in Gestalt einer jungen Frau, die sogar auf Fragen der Journalisten antworten und sich in Richtung Ansprechpartner orientieren kann.

"Professor Ishiguro mit seinem Doppelgänger Geminoid HI-1. Der Doppelgänger soll ihn in den Vorlesungen an der Uni vertreten"
(Source: is.sys.es.osaka-u.ac.jp)

In seinem neusten Projekt wagte der Ingenieur den Schritt einen Androiden nach seinem Ebenbild zu schaffen. Zwar kann der Android bislang nur sitzen, aber Körperbewegungen, Atmung, sowie eine ausgeprägte Mimik und Lippenbewegung durch über 50 Motoren im Gesichtsbereich sollen fortan die Studenten in Herr Ishiguros Vorlesungen zum Narren halten. Über ein Motion-Capture System werden die Bewegungen des Schöpfers von seinem Wohnort aus übertragen und durch den Doppelgänger in den Seminarräumen ausgeführt.

Der Android soll ihn jedoch nicht auf Dauer ersetzen. Vielmehr will der Wissenschaftler von "Intelligent ATRRobotics and Communication Laboratories" durch dieses Experiment herausfinden, inwieweit die Interaktion aus der Ferne auch seine persönliche Präsenz übertragen kann, da der Vorlesungsinhalt allein auch zum Beispiel über ein Bildtelefon vermittelt werden könnte. "Zuerst ist man über Androiden irritiert. Aber wenn man erst einmal in eine Konversation gezogen wird, vergisst man jeden Unterschied und fühlt sich ganz in Ordnung, wenn man mit ihm spricht und ihm in die Augen schaut", behauptet Professor Ishiguro.

"Stepford Wives" für die japanischen Schlafzimmer

Inwieweit die Verdrängung der Realität gehen könnte, beweisen die im Internet vieldiskutierten erweiterten Einsatzgebiete von attraktiven Androidinnen. "2012 soll Sex mit Robotern möglich sein" oder "2050 könnte man einen sogenannten "Fembot" sogar heiraten" mutmaßen Stimmen in nerdigen Bloggerkreisen. Dabei fragt man sich, ob die Autoren diese Entwicklung nun verurteilen oder eher ein wenig herbeisehnen.

"Androiden nach japanischem Schönheitsideal entworfen" (Source: kokoro-dreams.co.jp)

Männer die künstliche Frauen erschaffen, die ausschließlich den Bedürfnissen ihrer Gatten dienen, kennt man aus dem Roman "Die Frauen von Stepford" von Ira Levin, der übrigens schon 1972 erschien. Und selbst E.T.A Hoffmanns "Der Sandmann", aus dem ausklingenden 18. Jahrhundert, befasst sich bereits mit der Liebe eines Mannes zu einer Frau, die letztlich nur eine Holzpuppe war. Die Phantasien jener Internetschwärmer und der wachsende Erfolg von sogenannten love-doll Bordellen in Tokio lassen erahnen, dass diese auf die Spitze getriebenen Geschichten nicht für jederman so extrem abwegig sind.


In den Liebespuppen-Bordellen von Tokio

"Liebespuppen sind wie richtige Mädchen. Geh sanft mit ihnen um", steht es auf dem Schild im Eingangsbereich eines real-doll-Bordells geschrieben. Der ehemalige Software Ingenieur Itonaga Katsuyoshi war der erste, der vor zehn Jahren Stundenhotels mit lebensgroßen, detailliert gefertigten Latex-Schaufensterpuppen belieferte. Kurz darauf betrieb er bereits sieben eigene Bordelle, deren Mitarbeiterschaft ausschließlich aus love-dolls bestand.

Die Kunden aller Altersklassen, von 20 bis etwa 60, mieten stundenweise die anatomisch korrekten Frauenrepliken aus weichem Latexgummi. Ob sie für Sex benutzt oder nur mit mitgebrachten Kostümen fotografiert werden, ist den Betreibern egal. Haarfarbe, Aussehen, Figur, Kleidung und die jeweiligen Motto-Zimmer können vorher ausgewählt werden.

"Die Qual der Wahl im Liebespuppen-Bordell. Aussehen, Kleidung und Zimmergestaltung können vom Kunden bestimmt werden"

Etwa 6500 US-Dollar kostet eine solche Puppe für den Hausgebrauch. Wer sich das nicht leisten kann oder neben der Ehe heimlich einer solchen Vorliebe nachgehen möchte, besucht einen solchen Puppen-Puff, wie der pathetische "Stern" diese Hotels so ulkig betitelte. Preis für ein zweistündiges "Tête à tête" mit den Latexgespielinnen entspricht übrigens dem Tarif eines Callgirls. Trotzdem sind die Liebespuppenbordelle immer gut besucht.

Der Schritt ein solches Etablissement mit Androidinnen, anstatt mit Latexpuppen auszustatten, ist nicht mehr groß. Der Betreiber Itonaga Katsuyoshi wünscht sich nach eigener Angabe einen Computerchip für seine Puppen. "Mein Traum ist es, den Leuten eine Robotergeliebte zu geben, die auch mal etwas Unerwartetes macht."

Natürlich ist einem "Liebespuppen-Puff", wie allen legalen Möglichkeiten der bizarren Befriedigung, in Bezug auf sexuelle Übergriffe ein gewisser schadensbegrenzender Zweck nicht abzusprechen. Und bevor sich der anklagende Finger gegen die perverse japanische Männerwelt richtet, sollte man wissen, dass die Idee für die real-dolls aus den USA stammt. Der Hersteller kann die Flut von Anfragen aus aller Welt (übrigens auch nach männlichen Puppen) kaum bearbeiten. In Süddeutschland gibt es inzwischen sogar einen real-doll-Reparatur-Service.

"Love-dolls oder "real-dolls". Die Firma Abyss Creations in San Marcos/Californien beliefert die ganze Welt und kommt mit der Produktion nicht hinterher"

Was allerdings den Einzug richtiger "Stepford Wives" in die Schlafzimmer betrifft, so braucht sich die Frauenwelt wohl keine Sorgen um ihre Ehepartner zu machen. Androidinnen fürs Bett würden in Zukunft auch nur die Männer benutzen, die heute schon in Papas Bastelkiste einen von Beate Uhses aufblasbaren Dauerbrennern versteckt halten.

Angriff auf den Arbeitsmarkt

Den Robotern verdanken die Menschen in Japan, dass ihnen unangenehme oder harte Arbeitsgänge erleichtert oder erspart werden. Der entvölkerte ländliche Raum konnte durch Mechanisierung das Arbeitskraftvakuum füllen, welches in die Städte pilgernde Glücksjäger hinterließen.

"Roboter zur Bestimmung von Wein nimmt niemandem den Arbeitsplatz, entlarvt aber Angeber und Betrüger" (Source: bigshinything.com)

Auch in der Industrie haben Roboter dafür gesorgt, dass Japan in den Jahren des Wirtschaftsbooms seine Produktion steigern konnte, obwohl chronischer Arbeitskräftemangel herrschte. Nach den ersten beiden Wirtschaftssektoren beginnt nun scheinbar die Offensive auf die öffentlichen Ämter und den Dienstleistungssektor. Anfang April 2009 erteilte an der Kudan Grundschule in Tokio erstmalig ein Roboter einer Klasse von 10 jährigen Unterricht.

"Androidin Sayas Emotionspalette. Begeisterte Grundschüler tanzten der Aushilfslehrerin nach kurzer Zeit auf der Nase herum. Rechts Sayas Prototyp" "Source:www.pinktentacle.com"

Der Vortrag sollte bei den Kindern das Interesse für moderne Technologie wecken und aufzeigen, wie Schulen, die unter Personalmangel leiden, durch Saya unterstützt werden könnten.

Auf der diesjährigen Fashion Week in Tokio stampfte HRP-4C, das erste mechanische Laufstegmodel über den Catwalk. Der Android sah allerdings seinen menschlichen Vorbildern nicht allzu ähnlich. Eher wie eine Mischung aus einem japanischen Pop-Idol mit dem Körper von Alex Murphey aus Paul Verhoevens "Robocop".

"HRP-4C ist der erste Android auf dem Laufsteg der Fashion Week in Tokio" "Source: gigazine.net"

Die Programmierer des "Japan National Institute of Advanced Industrial Science and Technologie" erklärten, dass ein leichtfüßiger Gang und flüssige Bewegungen jedoch erst in 20 Jahren möglich sein. Das größte Problem der Entwickler ist die zweibeinige Fortbewegung. An deren Nachahmung arbeitet Honda mit ihrem Modell "Asimo" bereits seit den 80er Jahren. Trotz grob definierter Einsatzgebiete der neusten Robotergeneration muss sich auch in Japan noch niemand Sorgen um seinen Job machen. In der Industrie und Landwirtschaft haben Maschinen vor allem Tätigkeiten übernommen, die nach identischen Handlungsmustern ausgeführt werden. 

Die Forscher scheitern heute an der scheinbar unüberwindbaren Hürde der künstlichen Intelligenz. Gerade im Umgang mit Menschen können die Androiden, wie in den Beispielen der Schulausbildung oder der Altenpflege aufgezeigt, nur unterstützend eingreifen.

"Kobian kann sieben menschliche Emotionen darstellen" (Source:pinktentacle.com)

Und solange die Menschen nicht das zwischen-den-Zeilen-lesen verlernen, braucht sich auch keiner davor fürchten, von einer Roboterdame ersetzt zu werden - weder im Job noch im Schlafzimmer.

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